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Manga und ihre Zeichentrickfilm-Pendants, die anime, erfreuen sich in Amerika und Europa eines wachsenden Bekanntheitsgrades. Doch das einseitige Sortiment der ins Deutsche übersetzten manga, welches sich auf einige wenige Genres und die Zielgruppen Kinder und Jugendliche grösstenteils beschränkt, lässt weder die enorme wirtschaftliche Macht noch die kulturelle Tragweite erahnen, die manga in ihrem Ursprungsland Japan innehaben. Kurz gesagt sind manga japanische Comics, wobei man aber beinahe alles, was man über Comics weiss oder zu wissen glaubt, vergessen muss. Ein grundlegender Unterschied zum ausserjapanischen Comic ist die gesellschaftliche Akzeptanz, die der manga in seinem Heimatland geniesst. "Die Kombination von Wort und Bild zur Übertragung von Informationen oder zur Vermittlung von Geschichten hat in Japan eine lange Tradition und ist im Alltagsleben fest verankert."1 Während der europäische und amerikanische Comic den Ruf der seichten Unterhaltung für Kinder und Analphabeten mit dem Beigeschmack des Minderwertigen auf sich tragen muss, reicht der manga in Japan an den Stellenwert des Films und der Literatur heran. Werke von Zeichnern wie Yoshiharu Tsuge werden als Kunst gehandelt. Die weite Verbreitung des manga kommt darin zum Ausdruck, dass er "ca. dreissig Prozent aller japanischen Druckerzeugnisse"2 ausmacht. Die Comics erscheinen hauptsächlich in telephonbuchstarken, wöchentlichen oder monatlichen Magazinen mit hohen Auflagenzahlen, die mehrere Serien gleichzeitig führen. Beliebte manga-Serien werden später in Taschenbüchern zusammengefasst und neu aufgelegt. Zu dieser Masse an Publikationen addiert sich die unüberschaubare Menge von den Amateurzeichnern der sogenannten doujinshi, auf die später noch kurz eingegangen werden soll. Manga sind eng mit anderen Medien, wie dem Film, Videospielen, der Literatur oder der bildenden Kunst, verflochten. ![]() Cover eines manga-Magazins Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die breitgefächerte Leserschaft, die ein weites Spektrum an Themen und Genres mit sich bringt. Grob kann man den manga in Kurzstrips, die meist aus vier Panels bestehen und auf einen Gag hinauslaufen, und den Story- manga, welcher epische Längen erreichen kann, unterteilen. Letzterer bildet den "Hauptstrom der modernen manga"3 und lässt sich durch verschiedene Zielgruppen einteilen. Diese bezeichnen auch die Genres, welche sich durch unterschiedliche Themen und Stilmittel auszeichnen. Um einige Beispiele zu nennen, gibt es den für Mädchen und junge Frauen konzipierten shoujo manga, den actionlastigen shonen manga für Jungen oder den seinen manga für ein männliches, erwachsenes Publikum mit seinem weiblichen Pendant, dem redisu komikku. Daneben findet sich auch Sachliteratur, von historischen Erläuterungen bis hin zur Kochanleitung, in manga-Form, welche die effektive Form der Informationsübertragung von der Kombination von Text und Bild nutzt. Doch ist diese Aufteilung nur grob gültig, da sie durch Überschreitungen der Genregrenzen immer verwaschener wird. ![]() Sazae-san: Kurzstrip von Hasegawa Machiko Die Erzähltechnik des manga ist stark von der des Films beeinflusst. In der Bildfolge wechseln Perspektive, Blickwinkel und Einstellung ständig, was ein Gefühl der Dynamik vermittelt. Auch die Panels unterliegen einem Spiel von Grösse und Form . Besonders im shoujo manga wird die Aneinanderreihung der Einzelbilder oft sogar aufgelöst, so dass die Zeichnungen ineinander überfliessen und eine Seite im Hinblick auf die Gesamtästhetik gestaltet wird. Eine weitere Spezialität des manga ist das Repertoire an Geräuschzeichen und Symbolen zur Darstellung von Gemütszuständen.4
Viele mangaka
sehen sich heute in der Tradition der auf Rollen aufgezeichneten Bilderzählungen
aus dem Japan des 12. Jahrhunderts. "Von grösster Bedeutung
war die Massenproduktion von Text-Bild-Erzählungen während
der Edo-Zeit (1600-1868): Die Erzählliteratur der bebilderten Lesehefte
[...] bewirkten eine breite Akzeptanz gegenüber reich bebilderten
Büchern und schulten die Lesefähigkeit von Text-Bild-Kombinationen."5
Nach der Öffnung Japans, Ende des 19. Jahrhunderts, erschienen Magazine, die eigentlich für die westliche Ausländergemeinde konzipiert waren. "Die in ihnen veröffentlichten Karikaturen hatten grossen Einfluss auf japanische Künstler, die [neben westlichen Zeichentechniken] die Karikatur als Mittel der Kritik an sozialen und politischen Missständen entdeckten."6 Nach zunehmender Verschärfung der Zensur nahmen die unpolitischen manga für Kinder einen Aufschwung.7 Ein grosser Wendepunkt zeichnete sich mit den Autoren nach dem 2. Weltkrieg, allen voran Tezuka Osamu, ab. Er reduzierte in seinen Kindercomics, zunächst shonen manga, den Text und liess die Bilder für sich sprechen. Das durchgehende, handlungsbetonte Erzählkonzept wurde mit vollkommen neuen Perspektiven und Bildabfolgen, der Filmtechnik entlehnt, umgesetzt und somit die Dynamik gesteigert.
In den 60ern etablierte sich mit mangaka wie Sanpei Shirato die Gattung des gekiga, die sich um einen realistischen Zeichenstil und sozialkritische Fragestellungen bemühte und sich somit an Jugendliche und Erwachsene wendete. Ein beliebtes
seinen bzw. shonen manga -Genre wurden Sportgeschichten,
die von Selbstaufopferung, Disziplin, Ehre, Kampfgeist und Sieg handelten. In den 70ern bis 80ern herrschte ein grosser Sci-Fi-Boom. Der shoujo manga, der anfangs ausschliesslich von Männern gezeichnet wurde, erreichte seinen Höhepunkt. Die gefühlbetonte Handlung des shoujo manga dreht sich hauptsächlich um das Erwachsenwerden, die erste Liebe, Androgynie und den Ausbruch aus starren Geschlechterrollen.8
Schrittweise wurde die Leserschaft in allen Alters- und Gesellschaftsschichten erschlossen. Mit den Jahren hat sich die stark angewachsene manga-Industrie in einem Zustand der relativen Innovationslosigkeit festgefahren. Mit der Konkurrenz und den Forderungen eines Verlegers im Nacken, werden die mangaka in die Immitation und Rezyklation bewährter Themen und Stile getrieben. Das Bedürfnis des Lesers nach Zerstreuung und Unterhaltung steht über dem freien Ausdruck des Autors und Anregungen zum Nachdenken. So verkommt der Mainstream-Markt zu einer mehr oder weniger platten Unterhaltungsindustrie. Natürlich finden sich auch Ausnahmen, wie es Kaze no Tani no Naushika von Hayao Miyazaki, kommerziell erfolgreich, dennoch mit philosophischem Tiefgang, beweist. Sucht man in der Gegenwart nach künstlerisch fruchtbaren, innovativen Comics, muss man sich vom Mainstream abwenden. Teilweise kann man sie in der doujinshi-Szene finden, diesbezüglich insbesondere in der Sparte der Originalarbeiten. Erst wirklich fündig wird man in den wenigen alternativen oder avantgardistischen Magazinen, zum Beispiel Com oder Garo, der Subkultur.
Diese Arbeit befasst sich mit den manga ausserhalb des Mainstream. Durch ihre enorme Vielfalt, die so gross ist wie die Anzahl der Künstler, stellen sie ein besonders spannendes und interessantes Feld dar. Der erzählerische und zeichnerische Stil ist häufig experimentell, ohne den inhaltlichen Aspekt darüber hinaus zu vernachlässigen. In den Themen zeigt sich der persönliche, einzigartige Ausdruck des Künstlers. Aufgrund der formellen und inhaltlichen Heterogenität ist es so gut wie unmöglich, allgemein gültige Aussagen über die Szene zu machen. Über die Vorstellung vierer Vertreter und einem Einblick in die Welt des doujinshi soll diese Arbeit einen Annäherungsversuch unternehmen, durch die Darstellung eines Teilstückes ein grobes Bild vom Ganzen vermitteln.
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