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" Manga beyond mainstream " ist ein

Warum faszinieren mich manga ? Die Antwort lautet: Weil mich Comics faszinieren. Bilder können Geschichten erzählen, Worte vermögen Bilder heraufzubeschwören. Doch beides in mehr oder weniger gleichwertiger Kombination trägt ein ungleiches, leider oft verkanntes Potential. Was das eine Medium nicht auszudrücken vermag, wird vom anderen ergänzt. Der Comic, vor allem der manga, liegt sehr nahe beim Film. Jedoch ist es im Film der Regisseur, der den Rhythmus bestimmt, dem sich der Zuschauer hingeben muss. Dem Comicleser aber ist zwischen den Panels Platz für Phantasie gelassen. Des Weiteren wird ein Comic, anders als in der Filmindustrie, meist nur von einer Person geschaffen. Somit bleibt der Grundgedanke des Autors rein, sofern die Zwänge und der Druck des Kommerz nicht mitmischen. Leider hat sich in Europa und Amerika das Comicschaffen nur sehr stockend entwickelt. Um ernsthafte, erwachsene Werke zu finden, muss man lange im Haufen von Kinderunterhaltung, Superheldengeschichten, Cartoonstrips und elitären Form-über-Inhalt Kunstcomics graben. Im Gegensatz dazu steht das vielschichtige, heterogene Universum des manga, aber darauf soll in der Einleitung eingegangen werden. kyoufo jigoku shoujou hell baby Die abgründige und berührende Geschichte beginnt in einer stürmischen Nacht als in einem Tokyoter Krankenhaus Zwillinge geboren werden, zwei Mädchen. Das eine ist völlig normal, das andere besitzt eine entstellte Gestalt, das Antlitz eines Monsters. Der Vater ist vom Anblick derart abgestossen, dass er es, ohne seine Familie über dessen Existenz in Erfahrung zu setzen, in einem Plastiksack auf einer Müllkippe entsorgt. Es stirbt, wird aber durch ein Irrlicht wieder zum Leben erweckt. Das Kind wächst ohne Liebe und in unendlicher Einsamkeit heran. Um zu überleben, muss es erlernen zu jagen, unter den Tieren, welche die Müllkippe bevölkern. Sie lernt Gerüchen und Instinkten zu folgen. Ein ihm unbekanntes, befremdendes Gefühl, dem Bedürfnis nach Geborgenheit, bringt das Kind dazu, sich an einer kaputten Schaufensterpuppe festzukrallen. Dieses Gefühl überkommt sie auch, wenn sie nachts die Lichter der Grossstadt in der Ferne betrachtet und verlockt sie zu ihren ersten Entdeckungsreisen in die Zivilisation. Sie beobachtet aus Verstecken die Menschen. Eines Nachts eröffnet ihr ein Geist in der Gestalt einer Greisin ihre Bestimmung, sich an den Menschen zu rächen, die sie aufgrund ihrer Hässlichkeit verstiessen, und ihr Schicksal zu ändern. Als sie sich einmal auf eine Strasse unter die Augen anderer wagt, werden diese von Ekel und Furcht ergriffen. Ausgehungert fängt sie an, Jagd auf Menschen zu machen. Von der Polizei gehetzt, flüchtet sie sich, wieder durch einen inneren Drang geleitet, in ihr Elternhaus. Sie ahnt, dass sie zu ihrem Ziel gelangt ist. Sie trifft auf ihre schlafende Schwester und spürt wieder jenes unbegreifliche Gefühl, eine seltsame Verbundenheit. Die Stimme der Greisin flüstert dem Mädchen ein, um menschliches Glück zu erlangen, müsse sie das Blut ihrer Schwester aussaugen, um deren Gestalt anzunehmen. Und diese schlüpfe dafür in ihren grotesken Körper. Aber sie kann dies nicht, denn der Anblick ihrer schlafenden Schwester weckt in ihr "die ersten menschlichen Emotionen, die" sie "jemals hatte. "Sie weint und schreit, weil sie "endlich gefunden hat, wonach" sie "so lange gesucht hatte..." Die Schwester erwacht, die Eltern stürzen ins Zimmer. Der Vater macht ein schuldbeladenes Geständnis. Doch alle sind voller Entsetzen vor ihr. Das Höllenmädchen entflieht durch das Fenster. Sie wird auf der Flucht von der Polizei angeschossen. Zurück auf der Müllhalde, bereitet sich das Höllenmädchen auf das Sterben vor: "Ich bin zufrieden. Ich habe meine einzige Chance glücklich unter den Menschen zu leben für immer verloren, aber ich kann sie nicht um meinetwillen opfern. Ich kann nicht das bescheidene Glück meiner Familie zerstören! Ich habe Mutter, Vater und Schwester getroffen! Ich habe endlich gefunden, wonach ich so lange gesucht habe...das ist alles, was ich brauche...Nun bleibt mir noch übrig zurückzukehren...in jene Dunkelheit...dort werde ich schlafen...lasst mich in diese sanfte Dunkelheit zurückkehren, die mir so lange Zuflucht gab...keine Gedanken mehr, nur noch friedlicher Schlaf!" Das Kind fühlt sich in die Geborgenheit des Mutterleibs zurückversetzt. "Und bald wurde ihr Geist in die unendliche Dunkelheit, die Stille absorbiert...". "Die Dunkelheit der menschlichen Seele, welche mich vor Schrecken schaudern lässt" , stellt nach eigener Aussage das wiederkehrende Thema dar, welches sich durch das gesamte Werk von Hideshi Hino zieht. Ihr abgründigstes Selbst nach aussen gekehrt, erweisen sich die dargestellten Figuren als brutale Sadisten, verzerrte Monster, Todessüchtige, von Nihilismus Zerfressene. Das Grauen manifestiert sich in unterschiedlichster Form und nichts bleibt dem Auge des Lesers erspart: Tod, Verwesung, grausame Gewalt - sowohl physisch als auch psychisch - , Angst und Selbstverstümmelung prangen auf so gut wie jeder Seite. Und all dies findet sich noch in seiner Steigerungsform wieder. So sind die Augen eines in blankem Entsetzen verzerrten Gesichts so weit aufgerissen, dass sie aus den Augenhöhlen zu fallen drohen und sind zudem blutrot unterlaufen von übermässig vielen Adern überzogen. Aus den Nasenlöchern verstümmelter Leichen, die obendrein von hungrigen Krähen zerfetzt werden, quellen Maden. Die Hauptfiguren in Hideshi Hinos expressionistischem Werk sind allesamt tragisch. Aus dem Gegensatz zwischen ihrer Natur und dem sozialen Umfeld, den Lebensumständen, in denen sie gefangen sind, können nur Isolation, Verzweiflung, Verrücktheit und Tod folgen. Alle diese Elemente summieren sich zum ultimativen, grotesken Bild einer postnuklearen Hölle. Hideshi Hinos Schaffen liegt dem Drang zugrunde, innere Ängste und persönliche Dämonen auszutreiben; sich ihnen gegenüberzustellen, sie auf Papier zu bannen und als Folge davon zu überwinden. Die Ursache der Paranoia liegt in seinem biographischem Hintergrund verborgen: Hino wurde 1946 in der Mandschurei geboren, kurz nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Bald darauf musste seine Familie nach Japan fliehen und auf der Überfahrt verlor er beinahe das Leben. "Hino beschuldigt eine zerstörte, unglückliche Kindheit als die Quelle seiner manchmal unverzeihbaren Zwangsvorstellungen." Wie schon Sartre konstatiert Hino, dass die Hölle von anderen Menschen ausgeht und verbindet diese Aussage mit den Schreckenszenarien eines Weltkrieges oder der ständigen Bedrohung einer nuklearen Apokalypse. Sein Erstlingswerk, Cold Sweat, erschien 1967 im Avantgarde-Magazin Com und bald zeigte er fortwährende Präsenz in Garo. Mit mehreren anderen manga-Serien und dem Horror-Realfilm Mermaid in a Manhole, bei dem er Regie führte, machte er aber auch Abstecher in den kommerziellen Mainstream. Neben inhaltlichen Aspekten wurde auch der graphische Stil von Hideshi Hinos Werk stark von den zwei grossen Künstlern des manga, Shigeru Sugiura und Yoshiharu Tsuge, beeinflusst. Bizarr-verzerrte, stilisierte Gesichtszüge, kräftige Linien und homogene schwarze Flächen - das Geschehen trägt sich meist nachts oder an dunklen Orten zu - verbinden sich mit feinen Schraffuren, Detailreichtum, anatomischer Korrektheit und realistischen Hintergründen. Einen wichtigen Stellenwert nimmt die Darstellung von Schatten ein. Oft zeichnen sich nur schwarze Silhouetten gegen den Hintergrund ab. Ein weiterer Aspekt ist die überzeichnete Darstellung von Gesichtsausdrücken. Auffallend ist der häufige Einsatz von expressiven graphischen Mitteln wie Geschwindigkeitslinien, in das Bild eingebundenen Geräuscheffekten und Zeichenelementen zur symbolhaften Darstellung von Gemütszuständen. Aufgrund dessen, der drastischen Darstellungsweise und filmischen Mitteln wie Zooms und ständigen Perspektivwechseln wirken die Comics trotz relativ geringer Anzahl von Einzelbildern in der Handlungsabfolge nie statisch, sondern bewegt und spannungsgeladen. Hinzu kommt der Wechsel der Panelgrössen und deren Anordnung, was den dramatischen Effekt noch einmal steigert. Hideshi Hinos graphischer Stil erinnert gesamt gesehen leicht an die Ästhetik der Comics und Filme der 50er Jahre. aoi haru (Printemps bleu) Der Band enthält sieben längere und kürzere abgeschlossene Geschichten. Der Blaue Frühling ist für Matsumto ein Symbol für die Jugend, die "sich im azurblauen Feuer ihrer Leidenschaft selbst verzehrt". Matsumoto beschreibt in 5 dieser Geschichten das Milieu unter japanischen Oberschülern, die in dem in diesem Land besonders harten schulischen Konkurrenzkampf auf der Strecke geblieben sind. Taiyo Matsumoto schöpft, wie er im Nachwort wissen lässt, aus eigener Erfahrung, die Figuren nehmen direkten Bezug auf Freunde aus seiner Jugendzeit. Vieles lässt sich auf die Verhältnisse bei solchen Jugendlichen in unserem Land übertragen, selbst bis zu den rechten Tendenzen in der politischen Identität. Ohne klare Zukunft und von schulischem Misserfolg verfolgt, grassiert Orientierungslosigkeit, da die Erwachsenen keine Vorbilder und Perspektiven anbieten, und ein ohnmächtiges Gefühl der Verlorenheit und Leere. Die aufgestaute Frustration entlädt sich in Gewalt, die sie unter sich aber auch gegen andere ausüben. Für die Gesellschaft, repräsentiert von Lehrern, sind sie sowieso nichts als nutzloser Abschaum. Sie pendeln zwischen Lebensgier und Todessehnsucht hin und her. Auf ständiger Suche nach Zerstreuungen versuchen sie der Wirklichkeit zu entkommen, die so wenig ihren Wünschen und Träumen entspricht. So stürzen sie sich in waghalsige Suizidspiele, um sich wenn auch nur für einen Augenblick, lebendig zu fühlen. In Wenn du glücklich bist, dann klatsch' in die Hände wetteifern die Schüler einer heruntergekommenen Bildungsanstalt um das Aufstellen eines lebensgefährlichen Rekords. Revolver erzählt mit leicht ironischem Unterton die Geschichte dreier halbstarker Freunde, wie sie auf wundersame Weise das Geschenk eines verstorbenen Yakuzas erhalten. In Es ist Herbst versucht sich beim mah-jongg eine Baseball-Equippe aus Oberstufenschülern von der Niederlage bei einem Meisterschaftsturnier abzulenken. Doch es dreht sich doch alles um den einen vermeintlich entscheidenden Patzer ... und die Zeit dehnt sich unendlich, wie sie es ja manchmal unangenehmerweise tut. Herr Suzuki schildert die Vorgeschichte zweier in Tekkonkinkurito weiterentwickelter Figuren. Suzuki, der Yakuza, wirbt den Schüler Kimura für das Mafiagewerbe an. Frieden ist die bedrückendste aller Geschichten. Hier geht es um einen verlorenen jungen Mann, dessen Abstieg durch Erinnerungssequenzen aus seiner Kindheit begleitet wird, verbunden mit der Frage der Erwachsenen: "Was willst du machen, wenn du grösser bist, Yukio?" Um aus dem Lauf der Dinge seiner perspektivenlosen Zukunft auszubrechen, begeht er einen gleichgültigen Mord. In Unser kleines Restaurant ist ein kleiner Flecken Paradies streitet sich eine Jugendclique um die Begleichung der Rechung in ihrem Stammlokal. Den Abschluss macht Dazu haben Sie kein Recht - I don't know what love is - mit einem Szenario wie in den quälendsten Alpträumen. Ein etwa 15jähriger Schüler macht sich auf zu einem Rendez-vous, aber trifft auf dem Weg dorthin auf einen Irren und wird von diesem gejagt - die Freundin steigt am Schluss in das Auto eines anderen. Jeder kennt das, man hat ein Ziel vor Augen, aber was scheinbar schon greifbar vor einem liegt wird durchkreuzt und alles, worauf man gebaut und vertraut hat, stürzt in einem Moment wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Taiyo Matsumoto wurde 1967 in Tokyo geboren. Es war Domu von Katsuhiro Otomo, was ihn derartig beeindruckte, dass er sich dazu entschloss, mangaka zu werden. 1986 debütierte er mit Straight, einem manga über Baseball, im Magazin Comic Afternoon. Anschliessend wurde Matsumoto von seinem neuen Herausgeber auf eine Europareise geschickt, um sich ein Bild darüber zu machen, was dort in der Comicszene vorging. So taten es anfangs der Neunziger viele mangaka um neue stilistische Einflüsse in ihre eigenen Werke einzubauen und damit dem kränkelnden japanischen Markt neue Impulse zuzuführen. Sein Aufenthalt in Frankreich wirkte sich prägend auf sein Comicschaffen aus, sein Stil begann sich stark zu verändern. Als sein grosses französisches Vorbild gibt er Prado an, aber er schätzt auch Moebius oder Bilal. Diese neuen Einflüsse machten sich in seiner zweiten manga-Serie Zero mit einem stärker graphisch betonten Zeichenstil bemerkbar, in der es diesmal über Boxen ging. Bald darauf startete Matsumoto Hanao, worin er die gespannte Beziehung eines Mannes in mittleren Jahren, der sich weigert, erwachsen zu werden, zu seinem Sohn schildert. Der Durchbruch kam aber mit dem 1993 begonnenen, 600 Seiten umfassenden manga Tekkonkinkurito, dessen Erstausgabe sich überraschend mit mehr als 100'000 Exemplaren verkaufte. Matsumoto schuf sich damit einen Namen unter den Zeichnern. Die Outfits der Protagonisten im manga lösten sogar zeitweilig einen Modetrend aus. 1995 entstand selbst ein darauf basierendes Theaterstück, auf Initiative der Theatertruppe "Kuro Tento". Zu nennen ist noch der Sport manga Ping Pong und das Artbook 100. Go go monsters heisst sein neuester manga, der kürzlich in Japan als Hardcover veröffentlicht worden ist. Was Matsumoto schon auf den ersten Blick von anderen mangaka unterscheidet, ist sein aussergewöhnlicher Zeichenstil, der im Westen aus Mangel an Referenzpunkten, da vornehmlich nur kommerzielle, populäre Unterhaltungs-manga importiert werden, meist wage als "alternativ" umschrieben wird. Anstatt der Abgeschliffenheit, des künstlichen, idealisierten Einheitsstils, der meisten Mainstream-manga findet man bei ihm einen kantigen, rohen Realismus. Er verwendet auch niemals Rasterfolien. Selten im manga ist die asiatische Herkunft der Figuren klar erkennbar, hier wird sie sogar fast unterstrichen. Aber durch die naturalistische Wirklichkeit brechen immer wieder surrealistische Elemente durch, Bilder von einer unglaublichen poetischen Kraft. Matsumoto hat eine Vorliebe für marginale Figuren, viele seiner Helden sind Aussenseiter. In seinen starken Figuren spiegeln sich allgemeine grundlegende menschliche Erfahrungen. Taiyo Matsumoto zählt zu den bedeutendsten mangaka seiner Generation. nihon no kyoudai(Frères du Japon) Der Band besteht aus 9 teilweise untereinander verwobenen Kurzgeschichten. Die Betitelung Am Ende eines gewöhnlichen Tages fasst die ersten drei Episoden, in denen drei unterschiedliche Menschen porträtiert werden, zu einem Zyklus zusammen. So lernen wir den todessehnsüchtigen Tchali kennen, einen jungen Mann, der am liebsten unsichtbar wäre, um allem zu entfliehen - um den Stacheln seiner Mitmenschen zu entgehen - und nie mehr verletzt zu werden. Und wir machen die Bekanntschaft des kleinen jungen Haruo, der alle Erwachsenen unaufhörliche Löcher in den Bauch fragt - über den Tod. Denn er kann nicht begreifen, was allen Menschen unvollstellbar ist: das Ende der eigenen Existenz. Welche Panik in Haruo vorgeht, findet auch Ausdruck in den Bildern; etwa eine tote Katze, die liegt am Strand, oder bei Einbruch der Nacht eine sich mit Fängen ausbreitende Dunkelheit, die Haruo verschlingt. Matsuri dagegen ist ein alter Mann, der sich darauf einstellt, "heimzukehren", wie er das Sterben nennt. Matsuri taucht in Erinnerungen an sein bisheriges Leben - alles weckt in ihm Anklänge an Vergangenes. Die Bilder reihen sich zu Assoziationsketten seiner Erinnerungen, und es ist für den Leser ein bisschen so, als hätte man selbst diese Leben durchlebt. Das Kapitel Love2 Monkey Show beginnt mit dem Bild eines Liebespärchens und dem Wahlspruch "Ich glaube an die Liebe" - und endet abermals mit den beiden, aber mit der resignierten Einsicht "Liebe, ich weiss nicht, was das ist". Ironisch wird von einem Mann und seiner hoffnungslosen, da unerwiderten und damit selbstmörderischen Liebe zu einem Krokodil erzählt. Ein Pärchen fürchtet sich dagegen vor dem Verlöschen des Feuers, dem Einsinken in die Gleichförmigkeit des Alltags, vor dem Verlust jugendlicher Illusionen, denn "die Angst vor der Langeweile ist so stark, dass sie selbst die Furcht vor dem Tod übersteigt".Gon Gon Dynamit ist die skurrile Liebesgeschichte eines Gorillas und erfolgreichen Motorradrennfahrers zu seiner menschlichen Trainerin. Bei den Freunden Japans handelt es sich um ein Porträt zweier gegenpoliger Persönlichkeiten. Die Brüder Japans sind zwei traumwandlerische Gestalten, zwei jugendliche Zwerge in seltsamstem Outfit, die in einer halb realen, halb traumhaften Welt leben. Hier gewinnt die spielerische, surreale Seite an Matsumotos Schaffenskraft die Oberhand. Den Abschluss macht die japanische Familie, eine Geschichte, die im Milieu der Yakuzas spielt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das unausweichliche, unkontrollierbare Fortschreiten der Zeit, dem man ausgeliefert ist, der Vergänglichkeit, aber ebenso die Unbeständigkeit und Brüchigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen Matsumoto in dem Grossteil dieser Geschichten beschäftigen Black and White / Amer Béton Hochhäuser ragen aus dem Boden hervor wie lebende, organische Gebilde, entgegen allen Gesetzen der Architektur. Autos schieben sich ähnlich Spielzeugen durch die von dicht aneinandergedrängten Gebäuden gesäumten Strassen. Unter einem Wald von Leuchtreklamen, Schriftzügen und Wandmalereien bewegt sich eine Schar von skurrilen Passanten. In der Gosse liegt ein Obdachloser. Streunende Hunde durchwühlen eine Mülltonne. Die Stadt, ein Organismus, wird zur Hauptprotagonistin in Tekkonkinkurito. Ihr Name "Takara", zu deutsch Schatz, ist bezeichnend, denn sie stellt eine Ansammlung der verschiedensten Seiten des Lebens dar, die wohl behütet werden muss. Und wie diese Stadt die verschiedensten Charakteristiken in sich vereint, so tut es auch der Mensch. Takara ist die Repräsentantin des Menschen, deren beider Gleichgewicht sich von aussen beeinflusst in ständiger Bedrohung befindet. Kuro (Schwarz) und Shiro (Weiss), die "Katzen" genannt, verwaiste Strassenkinder, die ein Autowrack bewohnen, stehen im Zentrum der Handlung von Tekkonkinkurito. Die Brüder verkörpern das Yin und Yang, die zwei unterschiedlichen Elemente, die sich im Innern derselben Person vereinen. Takara ist wie ein Körper, der von ihnen beseelt wird. Die dunkle Seite wird von Kuro, verkörpert, der nichts und niemandem vertrauen kann. Durch nach aussen demonstrierte emotionale Kühle und Abkapselung von anderen Menschen versucht er sich vor Verletzungen zu schützen und sich im Leben zu behaupten, was aber zu noch verbitterterem Nihilismus führt. Einen Gegenpol dazu bildet der Charakter seines geistig zurückgebliebenen Bruders Shiro. Sein kindliches Vertrauen, seine Offenheit, Unschuld und Naivität bewahren ihn davor, am Leben zu verzweifeln, sind aber eine angreifbare Fläche. So können beide nur vereint überleben. Durch eine zärtliche Bruderliebe verbunden und umeinander besorgt versuchen sie zu verhindern, dass der Charakter des anderen ins Extreme kippt. Diesen Schwachpunkt versuchen sich nun auch ihre Gegner zunutze zu machen. Da sich Kuro und Shiro als die Herren und Beschützer der Stadt Takara verstehen, wird jeder besitzergreifende Eindringling in dieser rauhen Welt aus Selbstverteidigung auf's Härteste von ihnen gefahndet. (Sie könnten vielleicht metaphorisch für Ausseneinflüsse auf den Menschen stehen, die seine Seele aus dem Gleichgewicht bringen können.) Es kommt zu explosiven Gewaltausbrüchen. Nicht nur die Stadtbevölkerung und die Polizei fürchten die Brutalität der "Katzen", sondern auch der Yakuza-Boss, der nach Jahren nach Takara zurückkehrt, um seine Macht aus den Händen der Kinder zurückzuerlangen. Sein Untergebener, die "Ratte", kann sich jedoch gegen die vereinte Stärke der "Katzen" nicht behaupten. Als neutral-beobachtende Instanz tritt ein alter, alkoholsüchtiger Landstreicher auf, dessen genaue Beziehung zu Kuro und Shiro im Unklaren bleibt. Der feinfühlig-intuitive Shiro spürt bald, dass sich in der Stadt ein Wandel vollzieht: Eine fremde kultische Organisation hat sich eingenistet und mit ihr verändert sich das gesamte Stadtbild. Takara verliert die frühere Wärme und ihren Charakter. Die Katzen versuchen sich verzweifelt dessen zu erwehren; jedoch entgleitet ihnen die Situation, als die Brüder getrennt werden: Um Shiro vor den grausamen Auseinandersetzungen mit den Schergen zu schützen, übergibt Kuro ihn gegen dessen Willen polizeilicher Obhut. Als Folge kippt der Charakter eines jeden ins Extreme. Während Shiro immer mehr die Verbindung zur Realität verliert, wandelt sich Kuro zu einer unkontrollierbaren, verzweifelten Bestie. Chancenlos gegenüber seinen Hetzern, da von seinem Bruder getrennt, wird Kuro von einer zunächst verhüllten Person aus der Misere geholfen. Es ist der Minotaurus, grausam, schrecklich, emotionslos, der die Gegner niederstreckt. In Wirklichkeit verbirgt sich aber hinter der Maske das dunkelste Ich Kuros, das sich selbst als die absolute Wahrheit der menschlichen Seele erachtet und Kuro dazu auffordert, sich dieser Wahrheit zu stellen. Vertrauen, Freundschaft, und Unschuld - dies alles sei Heuchelei, Licht, das die Menschen anmachen, um nicht das Dunkle zu sehen. Doch diese Einstellung versagt dem Leben jeglichen Wert oder Sinn. Aus der Ferne kann Shiro fühlen, in welch schrecklicher Gefahr sich seine andere Hälfte befindet. Ausser sich bemalt er ein weisses Papier mit schwarzem Stift, während er die Worte "Weiss" und "Schwarz" immer wieder ausruft. Und seine Botschaft kommt an: Kuro sieht ein, dass sowohl hell als auch dunkel zum Leben gehören und wendet sich vom Nihilismus des Minotauren ab. Yin und Yang sind wieder ausbalanciert und Frieden scheint wieder in der Stadt Takara eingekehrt zu sein. Doch eine Narbe auf Kuros Hand, die ihm vom Minotauren vor dessen Verschwinden zugefügt wurde, zeugt immer noch von der ständig drohenden Verletzung des Gleichgewichts. Taiyo Matsomotos Stil ist wohl einer der eigenwilligsten überhaupt. Geprägt wurde er stark von seiner Reise nach Europa, die ihm dazu diente, künstlerische Nachforschungen zu betreiben. Einflüsse sind erkennbar von den französischen Comiczeichnern Bilal, Moebius und Prado. So der exzessive Einsatz von Symbolen und Ornamenten und die leicht surrealistische Atmosphäre der Fantasiewelten. Diese europäischen Einflüsse mischt er mit den Themen und der Erzähltechnik des manga. Besonders kennzeichnend für Taiyo Matsumotos Werke ist sein einzigartiger Zeichenstil. Er spielt oft mit der Perspektive und mit verzerrten Bildern, wie der Betrachtung durch ein Fischauge, ein spezielles Kameraobjektiv. Dies erzielt eine stark filmische Wirkung, lädt die Bilder mit Rasanz und Beweglichkeit auf und verleiht ihnen Tiefenraum. Die "Kameraführung" ist sprunghaft, durch den Einsatz von vielen "Schnitten" und Szenenwechseln hüpft sie von Protagonist zu Protagonist. Seine Strichführung ist bewusst etwas krakelig, doch wirken die Zeichnungen dank immensem Detailreichtum und anatomischer Genauigkeit nie unbeholfen. Desweiteren wimmelt es nur so von Symbolen, Ornamenten, Schriftzeichen und anderen Ausschmückungen: Monde mit Gesichtern, fliegende Fische , stilisierte Sterne und Wolken - bisweilen schwappen die Hintergründe fast in eine Kinderzeichnung über. Durch ein Graffiti erfährt der Leser, welcher Gedanke dem Autor gerade durch den Kopf gehuscht ist. Die Protagonisten tragen afrikanisch anmutende Ketten und ausgefallene Kopfbedeckungen. Osterinsel-Statuen stehen an der Strassenecke. Häufig nimmt er Elemente aus anderen Kulturen auf. Dies alles vermengt sich zu einer dichten Atmosphäre mit surrealistischen und futuristischen Anklängen, die den Eindruck eines Grenzganges zwischen Traumwelt und Wirklichkeit vermittelt. Die Persönlichkeit, die sich hinter dem Künstlernamen Nekojiru verbarg, ist von einem Geheimnis umhüllt. Es sind keine Photos im Umlauf und nur extrem wenige Fakten über die Vergangenheit der Zeichnerin bekannt. 1990 erschien die Serie Nekojiru Udon erstmals in Garo (später wechselte sie zu einem anderen Magazin). Nekojirus manga, von niedlichen, vermenschlichten Katzen, Schweinen, Hunden, Insekten, aber auch Menschen bevölkert, erwecken auf den ersten Blick den Eindruck einer kindlich-unbekümmerten, süsslichen Welt. Stets im Mittelpunkt stehen das Kätzchen Nyaata und deren kleiner Bruder Nyaato. Bei genauerer Betrachtung stösst man jedoch auf scharfe inhaltliche Kontraste. So thematisieren die Kurzgeschichten Diskriminierung, Massenmord ( an anthropomorphen Insekten ) und andere Grausamkeiten, aus der Hand von unwissenden Kindern. Daneben scheinen einige Episoden aus Fieberträumen entsprungen zu sein, deren surreale Handlung zu mythischen, seltsamen Orten und an rätselhaften Figuren vorbei führt. Und eben diese Kombination von Gegensätzlichkeiten - Grausamkeit und extreme Niedlichkeit - macht den seltsamen Reiz von Nekojirus manga aus. Die mit klaren, dicken Linien ausgeführten Zeichnungen sind stilisiert und bewusst kindlich gehalten. Aufgrund des häufigen Einsatzes von dekorativen Mustern und Rasterfolie wirken sie dennoch nicht leer, sondern lebendig und bunt. Manche Kurzgeschichten sind koloriert oder mit Computer bearbeitet. Im Jahre 1999 beging Nekojiru Selbstmord. Ihr Werk wird von ihrem Ehemann weitergeführt. Inzwischen ist eine anime-Adaption über die Erlebnisse des Katzengeschwisterpaares erschienen. Tiefe Dunkelheit liegt über einem kleinen japanischen Badeort, so still wie eine Geisterstadt, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Verfallende Holztafeln, Überbleibsel aus einer längst vergangenen Blütezeit, preisen heisse Quellen und Badehäuser an. Wie der Ort, so sind auch die Einwohner -alles alte Menschen- am sterben. Aus den von modrigen, alten Holzhäusern gesäumten Gassen steigt Dampf auf. Eine von Schatten umhüllte Person wandert, alleine vom Geräusch ihrer Fussschritte begleitet, durch die engen, bedrückenden Strassen. Den Fremden überkommt ein mysteriöses Gefühl, der Eindruck, dieses Dorf sei ihm auf irgendeine Weise bereits bekannt. In einem Spielwarenladen für alte Leute, denn diese seien Kindern gleich, wird er von der alten Verkäuferin auf seine ausserordentliche Ähnlichkeit mit dem Herren vom Hotel Gensen-kan hingewiesen. Sie erinnert sich daran, dass der Herr bei seiner ersten Ankunft im Badeort auch dieselben Spielzeuge gekauft hätte - eine Dämonenmaske, Murmeln und eine Trillerpfeife. Was folgt ist eine hochatmosphärische Kurzgeschichte, die den Leser schliesslich aber im Ungewissen lässt. Das Verwirrspiel um einen Doppelgänger ist von Symbol- und Rätselhaftigkeit gezeichnet. Eindeutig ist das surrealistisch-mythische Gensen-kan syujin in die gleiche Kategorie wie Nejishiki einzuordnen. Als 1968 Yoshiharu Tsuges Nejishiki (Schraubenartig) in Garo erschien, geriet unter Intellektuellen eine Debatte um die Kunstfertigkeit des manga in Gang. Kritiker, die gewöhnlich nie Comics lasen, bezeichneten seine Werke als "Kunst". Geboren 1937 in Tokyo, verlebte Tsuge eine ausserordentlich unglückliche Kindheit unter den Verwüstungen des 2. Weltkrieges. Nach Abschluss der Grundschule schlug er sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durch. Mit 14 versuchte er als blinder Passagier auf einem Schiff in die USA zu gelangen. Jedoch flog sein Vorhaben auf, bevor das Schiff ausgelaufen war. 1955 startete Tsuge seine Laufbahn als professioneller manga-Autor, indem er für Leihbüchereien schrieb, die quasi Schwarzmärkte der grossen Verlage waren. Dies geschah teilweise aus dem Grund, dass er nicht mit anderen Menschen zusammenarbeiten musste. Bald darauf schlossen diese Leihbüchereien aber und er wurde arbeitslos. Tsuge stand in ständigem Kampf mit Armut und Depressionen. Er überlebte einen Selbstmordversuch. Seine Schulden zahlte er mit Geld ab, das er aus Blutspenden gewonnen hatte. Mit dem Aufruf von 1965 "Herr Yoshiharu Tsuge, bitte nehmen Sie Kontakt mit uns auf !" bekundete die Zeitschrift Garo, welche auf ihn aufmerksam geworden war, reges Interesse an einer Zusammenarbeit. Fortan brach Tsuge mit den etablierten erzählerischen Strukturen, die durch eine zentrale betonte Handlung mit Spannungselementen und einer Entwicklung gezeichnet sind. Sein Stil wurde experimenteller. Zeitweise arbeitete Tsuge als Assistent bei Mizuki Shigeru. Die Werke von Tsuge lassen sich in drei Kategorien einteilen. Die Reiseberichte thematisieren Begegnungen in den verschiedenen Orten Japans. Auf seinen Reisen durch das ganze Land war Tsuge den kleinen Plätzen zugetan, den Winkeln einer Stadt, Bergdörfern, kleinen Fischereihäfen und namenlosen Badeorten. Zur zweiten Kategorie gehören Arbeiten, die eine starke surrealistische Neigung und intensive Selbsterkundung aufweisen. Das sprachlich nicht fassbare bedient sich der Bilder. Nejishiki, welches sich in diese Kategorie einordnet, wurde während eines Traumes entworfen, als Tsuge ein Nickerchen auf seinem Hausdach machte. Die dritte Kategorie versammelt stark autobiographisch geprägte Werke. In einem Interview in Garo von 1993 erwähnte Tsuge: "Ich predige weder eine Religion noch versuche ich die Welt zu verändern. Es fällt mir schwer, mich der Welt anzupassen und ich versuche einfach herauszufinden, wie ich existieren kann um anders zu sein, ohne mich dabei unsicher zu fühlen." Die Hintergründe der Zeichnungen geben realitätsgetreu Schauplätze von Tsuges Reisen wieder. Mit hohem Detailreichtum schildern sie Szenen in alten traditionell-japanischen Häusern oder in der wilden Natur. Im Gegensatz dazu stehen die Figuren, die diese realistische Welt bevölkern. Sie sind in einem eher comichaften Zeichenstil gehalten. Yoshiharu Tsuge trägt heute den Ruf eines "hochliterarischen, exzentrischen manga-Zeichners" . Er gilt als der Begründer einer "neuen Art von surrealistischen Avantgarde-Comics" und geniesst Kultstatus. 1991 wurde Muno no hito (Der Untaugliche) von Takenaka Naoto verfilmt und gewann den Preis der Kritik am Filmfestival in Venedig. Seine letzte Serie, Muno no Hito, schloss er Mitte der 80er Jahre ab und hat sein Schaffen bis jetzt nicht wieder aufgenommen. Berndt, Jaqceline: Phänomen Manga, edition q, 1995 Doi, Takeo: Amae - Freiheit in Geborgenheit - zur Struktur japanischer Psyche, Suhrkamp, 1982 Günther, Ines: Japan - Der andere Kulturführer, Insel Verlag, 2000 Lu, Alvin (Hsg.): Fresh Pulp, Cadence Books (A division of Viz Communications), 1999 Natsume, Fusanosuke (Hsg.): Manga - Die Welt der japanischen Comics, Japan Foundation, 2000 ( Ausstellungskatalog ) Roman, Annette (Hsg.): Japan edge, Cadence Books, 1999 Schodt, Frederik L.: Dreamland Japan - writings on modern manga, Stone Bridge Press, 1996 Schodt, Frederik L.: Manga! Manga!- The world of Japanese comics, Kodansha Int., 1983 Groth, Gary (Hsg.): "Sake Jock", Fantagraphics Books, 1995 Hino, Hideshi: "Hell Baby", Blast Books, 1995 Hino, Hideshi: "Panorama of Hell", Blast Books, 1989 Matsumoto, Taiyo: "Black and White" (in 3 Bänden), Pulp Grahpic Novel (Viz), 1999 Matsumoto, Taiyo: "Frères du Japon" , Tonkam, 1999 Matsumoto, Taiyo: "Printemps bleu" , Tonkam, 2000 Tsuge, Yoshiharu : "The master of Gensen-kan", Garo On-line Comics, 1999 Quigley, Kevin (Hsg.): "Comics Underground Japan", Blast Books, 1996 Shiratori, Chikao (Hsg.): "Secret Comics Japan", Cadence Books, 2000 In den 60er Jahren, zu einer Zeit, als Comics auch in Japan grösstenteils der seichten Unterhaltung von Kindern dienten und ernsthafte, erwachsene Werke rar waren, suchte Sanpei Shirato eine Veröffentlichungsplattform für seine manga-Serie Kamui. Die mit vielen Seitenerzählungen gespickte Geschichte ist im feudalen Japan angesiedelt und behandelt tiefschürfende soziale und politische Themen wie Klassenkampf oder Rassendiskriminierung. Die Zeit des Autors als Mitglied einer kommunistischen Gruppierung hatte stark auf Kamui abgefärbt. Im September 1964 gründete Katsuichi Nagai, der 1996 verstarb, mit der Unterstützung von Shirato das Magazin Garo. Kamui, als eine seiner ersten manga-Serien, fand "damals enorme Popularität unter [Links-] Intellektuellen und radikalisierten Studenten" , was dazu beitrug, die Verkaufszahlen nach oben zu treiben. "Der Titel des Magazins, Garo, stammt eigentlich nicht vom gleich klingenden japanischen Wort für "Kunstgallerie", sondern von einer von Shiratos Ninja-Charakteren" Garo konnte sich bis heute, also über 30 Jahre lang, halten. Und dies obwohl Nagai die beitragenden Künstler aufgrund der geringen Verkaufszahlen, die nach dem Abschluss von Kamui verebbten, die meiste Zeit nicht bezahlen konnte. Der Grund für seine Beständigkeit liegt wahrscheinlich in der Einzigartigkeit des Magazins innerhalb des Landes, denn den mangaka wird unbedingte künstlerische Freiheit zugesprochen. Der Erfolgsdruck und die damit einhergehenden inhaltlichen und formellen Zwänge fallen weg. Die Auswahlkriterien für einen manga beschränken sich darauf, dass er "(1) interessant ist und (2) dass der Inhalt über der Form steht". Um es anders auszudrücken, gilt Garo als Plattform für junge Talente, die von der manga -Industrie nicht erkannt werden und später häufig zu grösserem Ansehen aufsteigen können. Es ist ein Experimentierfeld für Ausdruck, persönliche und intellektuelle Ergründung, Seitenhiebe auf das System und neue Genres. "Anders als die von beinahe allen anderen, kommerzielleren manga-Magazinen, hatte Nagai von Anfang an im Sinn, die Entwicklung einzigartiger künstlerischer Stile und Erzähltechniken voranzutreiben" und das kreative Potenzial des Comics zur Entfaltung zu bringen. Garo ist eine treibende kreative Kraft und liefert sowohl einen Beitrag zu Japans manga- und intellektuellen Kultur, als auch zur Illustration, der Kunst und dem Film. Seit 1994 erhält das Magazin mit Retrospektiven in der Japanischen Presse und einer Ausstellung der Werke früherer Garo-Autoren in Kawasaki steigende Anerkennung. Manga und ihre Zeichentrickfilm-Pendants, die anime, erfreuen sich in Amerika und Europa eines wachsenden Bekanntheitsgrades. Doch das einseitige Sortiment der ins Deutsche übersetzten manga, welches sich auf einige wenige Genres und die Zielgruppen Kinder und Jugendliche grösstenteils beschränkt, lässt weder die enorme wirtschaftliche Macht noch die kulturelle Tragweite erahnen, die manga in ihrem Ursprungsland Japan innehaben. Kurz gesagt sind manga japanische Comics, wobei man aber beinahe alles, was man über Comics weiss oder zu wissen glaubt, vergessen muss. Ein grundlegender Unterschied zum ausserjapanischen Comic ist die gesellschaftliche Akzeptanz, die der manga in seinem Heimatland geniesst. "Die Kombination von Wort und Bild zur Übertragung von Informationen oder zur Vermittlung von Geschichten hat in Japan eine lange Tradition und ist im Alltagsleben fest verankert." Während der europäische und amerikanische Comic den Ruf der seichten Unterhaltung für Kinder und Analphabeten mit dem Beigeschmack des Minderwertigen auf sich tragen muss, reicht der manga in Japan an den Stellenwert des Films und der Literatur heran. Werke von Zeichnern wie Yoshiharu Tsuge werden als Kunst gehandelt. Die weite Verbreitung des manga kommt darin zum Ausdruck, dass er "ca. dreissig Prozent aller japanischen Druckerzeugnisse" ausmacht. Die Comics erscheinen hauptsächlich in telephonbuchstarken, wöchentlichen oder monatlichen Magazinen mit hohen Auflagenzahlen, die mehrere Serien gleichzeitig führen. Beliebte manga-Serien werden später in Taschenbüchern zusammengefasst und neu aufgelegt. Zu dieser Masse an Publikationen addiert sich die unüberschaubare Menge von den Amateurzeichnern der sogenannten doujinshi, auf die später noch kurz eingegangen werden soll. Manga sind eng mit anderen Medien, wie dem Film, Videospielen, der Literatur oder der bildenden Kunst, verflochten. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die breitgefächerte Leserschaft, die ein weites Spektrum an Themen und Genres mit sich bringt. Grob kann man den manga in Kurzstrips, die meist aus vier Panels bestehen und auf einen Gag hinauslaufen, und den Story- manga, welcher epische Längen erreichen kann, unterteilen. Letzterer bildet den "Hauptstrom der modernen manga" und lässt sich durch verschiedene Zielgruppen einteilen. Diese bezeichnen auch die Genres, welche sich durch unterschiedliche Themen und Stilmittel auszeichnen. Um einige Beispiele zu nennen, gibt es den für Mädchen und junge Frauen konzipierten shoujo manga, den actionlastigen shonen manga für Jungen oder den seinen manga für ein männliches, erwachsenes Publikum mit seinem weiblichen Pendant, dem redisu komikku. Daneben findet sich auch Sachliteratur, von historischen Erläuterungen bis hin zur Kochanleitung, in manga-Form, welche die effektive Form der Informationsübertragung von der Kombination von Text und Bild nutzt. Doch ist diese Aufteilung nur grob gültig, da sie durch Überschreitungen der Genregrenzen immer verwaschener wird. Die Erzähltechnik des manga ist stark von der des Films beeinflusst. In der Bildfolge wechseln Perspektive, Blickwinkel und Einstellung ständig, was ein Gefühl der Dynamik vermittelt. Auch die Panels unterliegen einem Spiel von Grösse und Form . Besonders im shoujo manga wird die Aneinanderreihung der Einzelbilder oft sogar aufgelöst, so dass die Zeichnungen ineinander überfliessen und eine Seite im Hinblick auf die Gesamtästhetik gestaltet wird. Eine weitere Spezialität des manga ist das Repertoire an Geräuschzeichen und Symbolen zur Darstellung von Gemütszuständen. Viele mangaka sehen sich heute in der Tradition der auf Rollen aufgezeichneten Bilderzählungen aus dem Japan des 12. Jahrhunderts. "Von grösster Bedeutung war die Massenproduktion von Text-Bild-Erzählungen während der Edo-Zeit (1600-1868): Die Erzählliteratur der bebilderten Lesehefte [...] bewirkten eine breite Akzeptanz gegenüber reich bebilderten Büchern und schulten die Lesefähigkeit von Text-Bild-Kombinationen." Den eigentlichen Begriff "manga" prägte der ukiyo-e-Künstler Hokusai, der von 1760 bis 1849 lebte. Er betitelte eine Skizzenserie mit einer Kombination aus den Zeichen man (spontan) und ga (Bild/Zeichnung). Nach der Öffnung Japans, Ende des 19. Jahrhunderts, erschienen Magazine, die eigentlich für die westliche Ausländergemeinde konzipiert waren. "Die in ihnen veröffentlichten Karikaturen hatten grossen Einfluss auf japanische Künstler, die [neben westlichen Zeichentechniken] die Karikatur als Mittel der Kritik an sozialen und politischen Missständen entdeckten." Nach zunehmender Verschärfung der Zensur nahmen die unpolitischen manga für Kinder einen Aufschwung. Ein grosser Wendepunkt zeichnete sich mit den Autoren nach dem 2. Weltkrieg, allen voran Tezuka Osamu, ab. Er reduzierte in seinen Kindercomics, zunächst shonen manga, den Text und liess die Bilder für sich sprechen. Das durchgehende, handlungsbetonte Erzählkonzept wurde mit vollkommen neuen Perspektiven und Bildabfolgen, der Filmtechnik entlehnt, umgesetzt und somit die Dynamik gesteigert. In den 60ern etablierte sich mit mangaka wie Sanpei Shirato die Gattung des gekiga, die sich um einen realistischen Zeichenstil und sozialkritische Fragestellungen bemühte und sich somit an Jugendliche und Erwachsene wendete. Ein beliebtes seinen bzw. shonen manga -Genre wurden Sportgeschichten, die von Selbstaufopferung, Disziplin, Ehre, Kampfgeist und Sieg handelten. In den 70ern bis 80ern herrschte ein grosser Sci-Fi-Boom. Der shoujo manga, der anfangs ausschliesslich von Männern gezeichnet wurde, erreichte seinen Höhepunkt. Die gefühlbetonte Handlung des shoujo manga dreht sich hauptsächlich um das Erwachsenwerden, die erste Liebe, Androgynie und den Ausbruch aus starren Geschlechterrollen. Mit den Jahren hat sich die stark angewachsene manga-Industrie in einem Zustand der relativen Innovationslosigkeit festgefahren. Mit der Konkurrenz und den Forderungen eines Verlegers im Nacken, werden die mangaka in die Immitation und Rezyklation bewährter Themen und Stile getrieben. Das Bedürfnis des Lesers nach Zerstreuung und Unterhaltung steht über dem freien Ausdruck des Autors und Anregungen zum Nachdenken. So verkommt der Mainstream-Markt zu einer mehr oder weniger platten Unterhaltungsindustrie. Natürlich finden sich auch Ausnahmen, wie es Kaze no Tani no Naushika von Hayao Miyazaki, kommerziell erfolgreich, dennoch mit philosophischem Tiefgang, beweist. Sucht man in der Gegenwart nach künstlerisch fruchtbaren, innovativen Comics, muss man sich vom Mainstream abwenden. Teilweise kann man sie in der doujinshi-Szene finden, diesbezüglich insbesondere in der Sparte der Originalarbeiten. Erst wirklich fündig wird man in den wenigen alternativen oder avantgardistischen Magazinen, zum Beispiel Com oder Garo, der Subkultur. Diese Arbeit befasst sich mit den manga ausserhalb des Mainstream. Durch ihre enorme Vielfalt, die so gross ist wie die Anzahl der Künstler, stellen sie ein besonders spannendes und interessantes Feld dar. Der erzählerische und zeichnerische Stil ist häufig experimentell, ohne den inhaltlichen Aspekt darüber hinaus zu vernachlässigen. In den Themen zeigt sich der persönliche, einzigartige Ausdruck des Künstlers. Aufgrund der formellen und inhaltlichen Heterogenität ist es so gut wie unmöglich, allgemein gültige Aussagen über die Szene zu machen. Über die Vorstellung vierer Vertreter und einem Einblick in die Welt des doujinshi soll diese Arbeit einen Annäherungsversuch unternehmen, durch die Darstellung eines Teilstückes ein grobes Bild vom Ganzen vermitteln. Neben dem Comicmarkt hat sich in Japan eine grosse Amateurzeichnerszene entwickelt. Die doujinshi, wie die selbstgezeichneten manga, manga-inspirierten Romane oder gar Videospiele heissen, werden meist von einem "Zirkel" von gleichgesinnten Amateuren in Zusammenarbeit erschaffen und herausgegeben. Heute soll es über 50'000 solcher doujinshi-Zirkel in Japan geben. Die Themen erstrecken sich weit über Originalarbeiten bis zu Parodien oder hinzuerfundene Episoden von populären anime- oder manga-Serien, ermöglicht durch das locker gehabte Urheberrecht in Japan. Die doujinshi-Subkultur hat sich zu einem eigenen Markt entwickelt. In kleinen Stückzahlen, von 100 bis zu 6000 Exemplaren, geben die Zeichner ihre Werke heraus und dies in einer Qualität, die an die Mainstream-manga-Industrie heranreicht. An riesigen Treffen, den sogenannten komiketto, werden diese zum Verkauf angeboten, einem Forum der direkten, unbefangenen Kommunikation zwischen Lesern und Schöpfern, losgelöst von den Zwängen und dem Druck des Kommerz. Im deutschsprachigen Raum wächst seit kurzer Zeit auch eine der japanischen doujinshi-Subkultur verwandten Szene heran, in der Amateurzeichner ihre stark vom manga beeinflussten Comics und Illustrationen untereinander austauschen. Aus dieser Szene sollen nun zwei Vertreter kurz vorgestellt werden. claudia kollhoff hanni wolf

e Website über die Subkultur der Mangaszene.
Sie enthält Berichte über die Autoren Taiyo Matsumoto, Hideshi Hino, Yoshiharu Tsuge und Nekojiru.
( Werke: Aoi haru / Printemps bleu, Tekkonkinkurito / Amer béton / Black and White, Frères du Japon, Hell Baby )
Weitere Themen sind das japanische Underground Magazin Garo und die Welt der Doujinshi. Maruo Suehiro Junko Mizuno Maki Kusumoto Cat Soup Nejishiki Japan