Biographie:
Abe Kobo wurde in Tokyo geboren, wuchs aber in Mukden in der von Japan besetzten
Mandschurei auf, wo sein Vater, ein Physiker, an einer medizinischen Schule
arbeitete.
Als junger Mann interessierte sich Abe für Mathematik und Insektensammeln.
Wegen einer Atemwegserkrankung wurde er vom Militärdienst dispensiert.
Nach der Rückkehr nach Japan begann er 1943 ohne grosse Begeisterung ein
Medizinstudium an der Universität Tokyo. Doch schon während des Studiums
wendete er sich zunehmend der Schriftstellerei zu, las Poe, Nietzsche, Kafka,
Rilke und Sartre, Dostoyevsky, um dann 1948 an der Universität abzuschliessen,
mit dem Versprechen, er würde nie praktizieren.
Abe trat einer marxistisch-orientierten Literaturgruppe namens Yoru no kai (Gruppe
der Nacht), welche die Literaturzeitschrift Kindai bungaku (Moderne Literatur)
herausgab, und bald auch der kommunistischen Partei bei.
Der Erfolg seiner Werke hob ihn an die Front der literarischen Avant-garde Japans.
1951 gewann er den Akutagawa Preis für seine Kurzgeschichte Kabe- Esu Karuma
shi no hanzai (Die Mauer- das Verbrechen des Herrn S. Karma). Suna no Onna (Die
Frau in den Dünen) erhielt er 1960 den Yomiuri Literaturpreis. Der Regisseur
Teshigahara Hiroshi nahm den Roman als Vorlage zu seinem gleichnamigen Film,
der 1964 am Festival von Cannes prämiert wurde.
In den 1970ern und 80ern leitete er in Tokyo eine eigene, erfolgreiche Theatergruppe,
die Abes Stücke unter seiner Regie auf die Bühne brachte.
Seine Ehefrau, Abe Machi, ist eine anerkannte Künstlerin und Bühnenbildnerin.
1993 starb Abe an einem Herzanfall.
Themen:
Im Zentrum der Werke von Abe steht der moderne Mensch, welcher in einer urbanen
Gesellschaft eine zunehmende Entfremdung und Isolation erleidet.
Die disintegrierten Protagonisten irren in der Marginalität einer labyrinthischen
Grossstadt umher, beginnen an ihrer eigenen Identität zu zweifeln und sehen
sich mit der existenzialistischen Frage nach der „condition humaine“
konfrontiert.
Als Folge davon tauchen Motive auf wie der Verlust der Identität, die Schwierigkeit
der Menschen miteinander zu kommunizieren, die Absurdität des menschlichen
Daseins, die Angst, ein Objekt der Manipulation zu werden, die Grausamkeit einer
gefühlslosen Gesellschaft, der Unterschied zwischen innerer und äusserer
Realität und das Gefühl, keinen festen Platz im Leben zu haben.
Ausgewählte Bibliographie
Suna no Onna (Die Frau in den Dünen, 1962)
Ein Insektensammler ist verschwunden und wird sieben Jahre später offiziell als tot erklärt. Auf der Suche nach neuen Insektenarten, verschlägt es Niki Jumpei an ein fernes Dorf am Meer, welches ständig in Gefahr ist, von windgetriebenen Sanddünen verschluckt zu werden. Die Dorfbewohner locken ihn an den Grund einer Sandgrube, wo er fortan zusammen mit einer Frau gefangengehalten wird. Tag für Tag ist er dazu gezwungen, gegen die wandernden Sandmassen anzukämpfen, um die dort stehende Hütte und somit das Dorf zu beschützen. Der Wille, von der Frau und der Grube zu entkommen, wird zuerst von seiner Einbildung, einen festen Platz in der Gesellschaft zu haben genährt, doch der Protagonist wird sich der Absurdität seines Daseins immer mehr bewusst und nutzt nicht die Gelegenheit, endlich zu fliehen.
Hako otoko (Der Schachtelmann, 1973)
Der Protagonist schottet sich von seiner Umwelt ab, indem er in einer Kartonschachtel Wohnung bezieht, die ihm die Anonymität und Freiheit bietet, welche ihm im alltäglichen Leben verwehrt blieben.
Tanin no kao (Das Gesicht des Anderen, 1964)
Ein Wissenschaftler, durch eine chemische Explosion entstellt, versucht sich eine neue Identität zu erschaffen, indem er sein wahres Ich mit einer Maske verdeckt. Der Grund liegt vielmehr an einem Selbstekel, sowohl physisch als auch psychisch, als an einer ablehnenden Haltung der anderen. Die Zerstörung seines Gesichtes ist ein Auslöser für die Debatte über seinen existenziellen Wert.
Akai mayu (Roter Kokon, 1950)
Der namen- und gesichtslose Erzähler sieht keinen Sinn in seinem Leben und würde sich gerne erhängen, könnte er nur verstehen , warum er kein Zuhause hat. Vielleicht, so denkt er, hat er einfach vergessen, welches Haus ihm gehört, doch hat er keine Mittel, das richtige zu identifizieren. Die Geschichte verfliesst dann ein Traumsequenzen bis der unglückliche Mann ein Stück klebrigen Seidenfaden zu fassen bekannt, daran zieht und somit beginnt, sein Bein aufzutrennen. Der immer länger werdende Faden formt einen Kokon um ihn, während sein Körper verschwindet. „Ja, jetzt habe ich ein Haus“, sagt der Mann, „aber es gibt kein Ich, welches dorthin zurückkehren könnte.“
Wie seine Charaktere verspürte Abe aufgrund seines Lebenswandels selbst
eine tiefe Heimat- und Wurzellosigkeit.
Viele Geschichten beginnen mit einem dramatischen Bruch im Alltagsleben, in
der Routine des Protagonisten, sodass ihm gewahr wird, wie sinnlos und unauthentisch
sein Leben ist: Der entfremdete Mensch versucht sich einen sicheren Platz in
der Gesellschaft zu erarbeiten, verliert sich aber selbst in dem Prozess.
Da seine Werke nicht kulturellspezifisch geprägt sind und durch die Verwendung
universeller Metaphern, haben sie allgemeingültigen Charakter, was mitunter
auch eine Erklärung für Abes Erfolg im Westen sein kann.
Stil:
Oft wird Abe mit Autoren der Moderne wie Beckett oder Kafka verglichen. Seine
Werke zeigen aber auch starke symbolistische und vor allem surrealistische Einflüsse
auf.
Die düstere Komplexität seiner Geschichten ist oft von Groteske, Skurrilität
und einem absurden Humor durchwoben.
Abes simpler Schreibstil, aufgrund seiner medizinischen Ausbildung oft wissenschaftlich
steif, formal und klinisch präzise, reflektiert seine Bestrebung, psychische
Mechanismen und Gedankenprozesse offen zu legen, den Versuch, menschliche Motive
und Handlungen zu erklären und den grundlegenden Zweck des menschlichen
Lebens zu verstehen.
Die Texte sind observierend, beschreibend, oft aus der Ich-Perspektive erzählt.
In diesen exakten Realismus bricht aber immer das Fantastische, Irreale, Zweideutige
ein. So sollen die Traumwelten onirischer Passagen die unbewussten Ängste,
Hoffnungen und Wünsche des Menschen zum Ausdruck bringen.
Daneben lässt er auch Elemente des Science-Fiction und Detektivromans einfliessen,
jedoch experimentell, mit der Weigerung, sich von gängigen Schreibformen
einengen zu lassen.
Des weiteren sind Abes Werke von einer starken Bildhaftigkeit durchzogen. Die
Geschichten sind oft um eine zentrale Metapher aufgebaut.
Werke:
Abe war ein produktiver Verfasser von Kurzgeschichten, Romanen und Theaterstücken. Es existiert eine ganze Reihe an englischen und deutschen Übersetzungen.
Bo (Der Stock, 1955)
Von der Gesellschaft ausgenutzt, objektiviert, depersonalisiert, verwandelt sich der Hauptcharakter in das, was er bereits ist: ein abgenutzter Stock.
Dai-yon kampyoki (Die vierte Zwischeneiszeit, 1959)
Abe entwirft hier ein Japan der Zukunft, welches in seiner Existenz von schmelzenden Polarkappen bedroht wird. Um den Fortbestand der Menschheit zu sichern, werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit und auf Kosten der Bevölkerung extreme Massnahmen ergriffen. Nur wenige Auserwählte können den nächsten Schritt der menschlichen Evolution erleben. Der Protagonist des Romans ist der Wissenschaftler Dr. Katsumi, der ein computer-basiertes System entwickelt hat, um die Zukunft vorauszusagen. Somit wird er ungewollt in den Plan hereingezogen und muss sich sowohl dem moralischen Dilemma als auch dem Konflikt zwischen Gegenwart und Zukunft stellen.
Tomodachi (Freunde, 1964)
Das Theaterstück handelt von einem einsamen Junggesellen, dessen Leben von einer aggressiv-aufdringlichen Familie, die ihn in ihre Reihen einbinden will, unter absolute Kontrolle genommen wird, bis er schliesslich von einer der Töchter getötet wird. Obwohl die Familienmitglieder von sich behaupten, sie widmeten sich dem sozial Guten, sind ihre Handlungen grausam und zerstörerisch.
Quellen:
The Woman in the Dunes ( Kobo Abe, 1964, UNESCO collection of representative
works)
Die vierte Zwischeneiszeit ( Kobo Abe, 1996, Suhrkamp )
Die Erfindung des R62 ( Kobo Abe, 1996, Suhrkamp )
www.kirjasto.sci.fi/koboabe.htm
www.themodernword.com
www.horagai.com
Kodansha Encyclopedia of Japan
Modern Japanese Novelists ( John Lewell, 1993, Kodansha International )
Approaches to the modern Japanese short story ( Thomas E. Swann, Kinya Tsuruta,
1982, Waseda University Press )
Approaches to the modern Japanese novel (Thomas E. Swann, Kinya Tsuruta, 1976,
Sophia University Tokyo )
Modern Japanese fiction and its traditions (J. Thomas Rimer, 1978, Princeton
University Press )
Reading against culture – Ideology and narrative in the Japanese novel
( David Pollack, 1992, Cornell University Press )