ABE KOBO ~~enter~~
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ABE KOBO (1924 -1993) Biographie: Abe Kobo wurde in Tokyo geboren,
wuchs aber in Mukden in der von Japan besetzten Mandschurei auf, wo sein Vater,
ein Physiker, an einer medizinischen Schule arbeitete. Als junger Mann interessierte
sich Abe für Mathematik und Insektensammeln. Wegen einer Atemwegserkrankung
wurde er vom Militärdienst dispensiert. Nach der Rückkehr nach Japan
begann er 1943 ohne grosse Begeisterung ein Medizinstudium an der Universität
Tokyo. Doch schon während des Studiums wendete er sich zunehmend der Schriftstellerei
zu, las Poe, Nietzsche, Kafka, Rilke und Sartre, Dostoyevsky, um dann 1948 an
der Universität abzuschliessen, mit dem Versprechen, er würde nie
praktizieren. Abe trat einer marxistisch-orientierten Literaturgruppe namens
Yoru no kai (Gruppe der Nacht), welche die Literaturzeitschrift Kindai bungaku
(Moderne Literatur) herausgab, und bald auch der kommunistischen Partei bei.
Der Erfolg seiner Werke hob ihn an die Front der literarischen Avant-garde Japans.
1951 gewann er den Akutagawa Preis für seine Kurzgeschichte Kabe- Esu Karuma
shi no hanzai (Die Mauer- das Verbrechen des Herrn S. Karma). Suna no Onna (Die
Frau in den Dünen) erhielt er 1960 den Yomiuri Literaturpreis. Der Regisseur
Teshigahara Hiroshi nahm den Roman als Vorlage zu seinem gleichnamigen Film,
der 1964 am Festival von Cannes prämiert wurde. In den 1970ern und 80ern
leitete er in Tokyo eine eigene, erfolgreiche Theatergruppe, die Abes Stücke
unter seiner Regie auf die Bühne brachte. Seine Ehefrau, Abe Machi, ist
eine anerkannte Künstlerin und Bühnenbildnerin. 1993 starb Abe an
einem Herzanfall. Themen: Im Zentrum der Werke von Abe steht der moderne Mensch,
welcher in einer urbanen Gesellschaft eine zunehmende Entfremdung und Isolation
erleidet. Die disintegrierten Protagonisten irren in der Marginalität einer
labyrinthischen Grossstadt umher, beginnen an ihrer eigenen Identität zu
zweifeln und sehen sich mit der existenzialistischen Frage nach der „condition
humaine“ konfrontiert. Als Folge davon tauchen Motive auf wie der Verlust
der Identität, die Schwierigkeit der Menschen miteinander zu kommunizieren,
die Absurdität des menschlichen Daseins, die Angst, ein Objekt der Manipulation
zu werden, die Grausamkeit einer gefühlslosen Gesellschaft, der Unterschied
zwischen innerer und äusserer Realität und das Gefühl, keinen
festen Platz im Leben zu haben. Ausgewählte Bibliographie Suna no Onna
(Die Frau in den Dünen, 1962) Ein Insektensammler ist verschwunden und
wird sieben Jahre später offiziell als tot erklärt. Auf der Suche
nach neuen Insektenarten, verschlägt es Niki Jumpei an ein fernes Dorf
am Meer, welches ständig in Gefahr ist, von windgetriebenen Sanddünen
verschluckt zu werden. Die Dorfbewohner locken ihn an den Grund einer Sandgrube,
wo er fortan zusammen mit einer Frau gefangengehalten wird. Tag für Tag
ist er dazu gezwungen, gegen die wandernden Sandmassen anzukämpfen, um
die dort stehende Hütte und somit das Dorf zu beschützen. Der Wille,
von der Frau und der Grube zu entkommen, wird zuerst von seiner Einbildung,
einen festen Platz in der Gesellschaft zu haben genährt, doch der Protagonist
wird sich der Absurdität seines Daseins immer mehr bewusst und nutzt nicht
die Gelegenheit, endlich zu fliehen. Hako otoko (Der Schachtelmann, 1973) Der
Protagonist schottet sich von seiner Umwelt ab, indem er in einer Kartonschachtel
Wohnung bezieht, die ihm die Anonymität und Freiheit bietet, welche ihm
im alltäglichen Leben verwehrt blieben. Tanin no kao (Das Gesicht des Anderen,
1964) Ein Wissenschaftler, durch eine chemische Explosion entstellt, versucht
sich eine neue Identität zu erschaffen, indem er sein wahres Ich mit einer
Maske verdeckt. Der Grund liegt vielmehr an einem Selbstekel, sowohl physisch
als auch psychisch, als an einer ablehnenden Haltung der anderen. Die Zerstörung
seines Gesichtes ist ein Auslöser für die Debatte über seinen
existenziellen Wert. Akai mayu (Roter Kokon, 1950) Der namen- und gesichtslose
Erzähler sieht keinen Sinn in seinem Leben und würde sich gerne erhängen,
könnte er nur verstehen , warum er kein Zuhause hat. Vielleicht, so denkt
er, hat er einfach vergessen, welches Haus ihm gehört, doch hat er keine
Mittel, das richtige zu identifizieren. Die Geschichte verfliesst dann ein Traumsequenzen
bis der unglückliche Mann ein Stück klebrigen Seidenfaden zu fassen
bekannt, daran zieht und somit beginnt, sein Bein aufzutrennen. Der immer länger
werdende Faden formt einen Kokon um ihn, während sein Körper verschwindet.
„Ja, jetzt habe ich ein Haus“, sagt der Mann, „aber es gibt
kein Ich, welches dorthin zurückkehren könnte.“ Wie seine Charaktere
verspürte Abe aufgrund seines Lebenswandels selbst eine tiefe Heimat- und
Wurzellosigkeit. Viele Geschichten beginnen mit einem dramatischen Bruch im
Alltagsleben, in der Routine des Protagonisten, sodass ihm gewahr wird, wie
sinnlos und unauthentisch sein Leben ist: Der entfremdete Mensch versucht sich
einen sicheren Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten, verliert sich aber selbst
in dem Prozess. Da seine Werke nicht kulturellspezifisch geprägt sind und
durch die Verwendung universeller Metaphern, haben sie allgemeingültigen
Charakter, was mitunter auch eine Erklärung für Abes Erfolg im Westen
sein kann. Stil: Oft wird Abe mit Autoren der Moderne wie Beckett oder Kafka
verglichen. Seine Werke zeigen aber auch starke symbolistische und vor allem
surrealistische Einflüsse auf.
Die düstere Komplexität seiner Geschichten ist oft von Groteske, Skurrilität
und einem absurden Humor durchwoben. Abes simpler Schreibstil, aufgrund seiner
medizinischen Ausbildung oft wissenschaftlich steif, formal und klinisch präzise,
reflektiert seine Bestrebung, psychische Mechanismen und Gedankenprozesse offen
zu legen, den Versuch, menschliche Motive und Handlungen zu erklären und
den grundlegenden Zweck des menschlichen Lebens zu verstehen. Die Texte sind
observierend, beschreibend, oft aus der Ich-Perspektive erzählt. In diesen
exakten Realismus bricht aber immer das Fantastische, Irreale, Zweideutige ein.
So sollen die Traumwelten onirischer Passagen die unbewussten Ängste, Hoffnungen
und Wünsche des Menschen zum Ausdruck bringen. Daneben lässt er auch
Elemente des Science-Fiction und Detektivromans einfliessen, jedoch experimentell,
mit der Weigerung, sich von gängigen Schreibformen einengen zu lassen.
Des weiteren sind Abes Werke von einer starken Bildhaftigkeit durchzogen. Die
Geschichten sind oft um eine zentrale Metapher aufgebaut. Werke: Abe war ein
produktiver Verfasser von Kurzgeschichten, Romanen und Theaterstücken.
Es existiert eine ganze Reihe an englischen und deutschen Übersetzungen.
Bo (Der Stock, 1955) Von der Gesellschaft ausgenutzt, objektiviert, depersonalisiert,
verwandelt sich der Hauptcharakter in das, was er bereits ist: ein abgenutzter
Stock. Dai-yon kampyoki (Die vierte Zwischeneiszeit, 1959) Abe entwirft hier
ein Japan der Zukunft, welches in seiner Existenz von schmelzenden Polarkappen
bedroht wird. Um den Fortbestand der Menschheit zu sichern, werden unter Ausschluss
der Öffentlichkeit und auf Kosten der Bevölkerung extreme Massnahmen
ergriffen. Nur wenige Auserwählte können den nächsten Schritt
der menschlichen Evolution erleben. Der Protagonist des Romans ist der Wissenschaftler
Dr. Katsumi, der ein computer-basiertes System entwickelt hat, um die Zukunft
vorauszusagen. Somit wird er ungewollt in den Plan hereingezogen und muss sich
sowohl dem moralischen Dilemma als auch dem Konflikt zwischen Gegenwart und
Zukunft stellen. Tomodachi (Freunde, 1964) Das Theaterstück handelt von
einem einsamen Junggesellen, dessen Leben von einer aggressiv-aufdringlichen
Familie, die ihn in ihre Reihen einbinden will, unter absolute Kontrolle genommen
wird, bis er schliesslich von einer der Töchter getötet wird. Obwohl
die Familienmitglieder von sich behaupten, sie widmeten sich dem sozial Guten,
sind ihre Handlungen grausam und zerstörerisch. Quellen: The Woman in the
Dunes ( Kobo Abe, 1964, UNESCO collection of representative works) Die vierte
Zwischeneiszeit ( Kobo Abe, 1996, Suhrkamp ) Die Erfindung des R62 ( Kobo Abe,
1996, Suhrkamp ) www.kirjasto.sci.fi/koboabe.htm www.themodernword.com www.horagai.com
Kodansha Encyclopedia of Japan Modern Japanese Novelists ( John Lewell, 1993,
Kodansha International ) Approaches to the modern Japanese short story ( Thomas
E. Swann, Kinya Tsuruta, 1982, Waseda University Press ) Approaches to the modern
Japanese novel (Thomas E. Swann, Kinya Tsuruta, 1976, Sophia University Tokyo
) Modern Japanese fiction and its traditions (J. Thomas Rimer, 1978, Princeton
University Press ) Reading against culture – Ideology and narrative in
the Japanese novel ( David Pollack, 1992, Cornell University Press )